KI direkt im Moodle-Core: Was das LMS künstlicher Intelligenz mitbringt.
Seit Moodle 4.5 steckt ein vollständiges KI-Subsystem im Moodle-Core — kein Plugin, kein Add-on, sondern Teil der Standardinstallation. Vier konkrete Funktionen stehen bereit: Text generieren, Bilder generieren, Inhalte zusammenfassen und Inhalte erklären. Mit den Versionen 5.0 und 5.1 kamen weitere Provider, granulare Steuerungsmöglichkeiten und die Erklären-Funktion hinzu. Dieser Beitrag zeigt, was das System kann, wie es architektonisch aufgebaut ist und welche Kontrolle Institutionen über den Einsatz behalten.
Das AI-Subsystem: Die Architektur hinter den Kulissen
Das AI-Subsystem ist nicht an einen einzelnen KI-Anbieter gekoppelt. Stattdessen liegt ihm eine dreischichtige Architektur zugrunde, die maximale Flexibilität bietet:
Mit der Funktion KI-Provider wird eine Verbindung zu externen KI-Diensten hergestellt. Moodle unterstützt im Core aktuell die OpenAI API und Azure AI. Da die OpenAI-API zum Quasi-Standard geworden ist, funktionieren darüber auch Self-Hosting-Lösungen wie Ollama, LiteLLM, LocalAI und Cloud-Dienste wie Groq. Seit Moodle 5.1 wird zusätzlich DeepSeek als Provider unterstützt. Institutionen können also frei wählen, ob sie kommerzielle Dienste nutzen, Open-Source-Modelle auf eigener Infrastruktur betreiben oder beides kombinieren.
Die Aktionseinstellungen definieren, was die KI tun kann. Jede Aktion ist eine eigene Klasse im System, z. B. generate_text, generate_image oder summarise_text. Provider melden, welche Aktionen sie unterstützen, und das System orchestriert die Zuordnung automatisch, inklusive Fallback-Logik. So kann beispielsweise ein günstiges Modell für einfache Zusammenfassungen genutzt werden, während für Textgenerierung ein leistungsfähigeres Modell zum Einsatz kommt.
Die KI-Platzierung bestimmt, wo in Moodle die KI-Funktionen für Nutzende sichtbar werden. Aktuell gibt es zwei Core-Placements: den Texteditor und die Kursunterstützung.
Wer Moodle nutzt, hat also bereits das AI-Subsystem zur Verfügung, muss aber noch einen KI-Provider auswählen und anbinden.
Die vier KI-Funktionen im Detail
1. Text generieren
Im TinyMCE-Editor erscheint ein KI-Symbol (das bekannte „Sparkle“-Icon), über das Trainer*innen und, sofern berechtigt, auch Teilnehmende Texte generieren lassen können. Dazu beschreibt man per Prompt, welchen Text man benötigt, und erhält einen KI-generierten Vorschlag, der direkt in den Editor übernommen werden kann.
Typische Anwendungsbeispiele:
Einleitungen für Kursseiten oder Lektionen erstellen, Aufgabenstellungen formulieren, Diskussionsfragen generieren oder erklärende Texte für komplexe Themen entwerfen.
2. Bilder generieren
Ebenfalls über den Texteditor können Bilder per Prompt erzeugt werden, z.B. mit Modellen wie DALL·E 3. Dabei lassen sich Qualität (Standard/Hoch) und Format (Quadrat, Querformat, Hochformat) wählen. Das generierte Bild wird automatisch mit einem Alt-Text versehen, was die Barrierefreiheit fördert.
Typische Anwendungsbeispiele:
Kurs-Thumbnails und Illustrationen erstellen, Infografiken für Lernmaterial erzeugen oder anschauliche Darstellungen für abstrakte Konzepte generieren.
3. Inhalte zusammenfassen (Summarise)
Über die Platzierung „Kursunterstützung“ können Lernende auf jeder Kursseite, ob Textseite, Quiz, Forum oder Lektion, einen Zusammenfassen-Button nutzen. Die KI kondensiert den Seiteninhalt in eine kompakte Übersicht. Das ist besonders bei langen Texten oder komplexem Fachvokabular hilfreich.
4. Inhalte erklären (Explain)
Seit Moodle 5.0 steht neben der Zusammenfassung auch die Erklären-Funktion zur Verfügung. Sie liefert eine verständlichere, alternative Formulierung des Seiteninhalts, ideal für Lernende mit unterschiedlichem Vorwissensniveau, Nicht-Muttersprachler*innen oder bei besonders anspruchsvollem Material.
Volle Kontrolle: Berechtigungen auf jeder Ebene
Moodle verfolgt einen konsequent granularen Ansatz bei der KI-Steuerung:
- Admins aktivieren Provider und Platzierungen global, legen Rate-Limits fest und definieren System-Prompts, die jeder KI-Anfrage vorangestellt werden. Standardmäßig ist alles deaktiviert — KI muss bewusst eingeschaltet werden.
- Rollenbasierte Berechtigungen steuern, welche Nutzergruppen welche Aktionen ausführen dürfen. So kann man etwa Trainer*innen die Bild- und Textgenerierung erlauben, Teilnehmenden aber nur das Zusammenfassen und Erklären.
- Trainer*innen können ab Moodle 5.1 KI-Tools pro Kurs und sogar pro Aktivität direkt in den Kurs- bzw. Aktivitätseinstellungen ein- oder ausschalten, ohne in die komplexen Berechtigungsseiten abtauchen zu müssen.
KI-Nutzungsrichtlinie: Transparenz als Pflicht
Bevor Nutzende zum ersten Mal ein KI-Tool verwenden, wird ihnen eine AI Usage Policy angezeigt, die sie aktiv akzeptieren müssen. Die Moodle-Entwicklerdokumentation beschreibt die Anforderung so: Die Zustimmung muss am „Point of Use“ erfolgen, also genau dort, wo die KI tatsächlich genutzt wird, nicht versteckt in einer allgemeinen Site-Policy. Deshalb wurde für das AI-Subsystem eine eigene, von der regulären Site-Policy getrennte, Richtlinienfunktion implementiert.
Die Nutzungsrichtlinie muss nur einmal akzeptiert werden: Wer sie in einer Platzierung (z. B. im Texteditor) bestätigt hat, wird in anderen Placements (z. B. Kursassistenz) nicht erneut gefragt. Lehnt eine Person die Policy ab, bleiben die KI-Funktionen für diese Person gesperrt.
Der Richtlinientext ist über das Moodle-Sprachpaket anpassbar. Institutionen können den Text also an ihre eigenen KI-Richtlinien anpassen.
Seit Moodle 5.0 können Administrierende zudem über Site Administration → Reports → AI Reports einsehen, wer die Policy akzeptiert hat und wie die KI-Tools genutzt werden — inklusive Token-Verbrauch, Kontext und Nutzerkennung. Diese Umsetzung steht im Einklang mit Moodles AI Principles, die Transparenz und Konfigurierbarkeit als Kernwerte definieren. Zudem orientiert sich Moodle an regulatorischen Rahmenwerken wie dem EU AI Act, den OECD AI Principles und dem NIST AI Risk Management Framework.
Moodles AI Principles: Der ethische Rahmen
Die technische Umsetzung folgt klar formulierten Grundsätzen:
- Transparenz: Nutzende wissen immer, wann sie mit KI interagieren. Inhalte werden als KI-generiert markiert.
- Konfigurierbarkeit: Institutionen entscheiden selbst, ob, wo und wie KI eingesetzt wird. Moodles modulare Architektur macht das möglich.
- Datenschutz und Sicherheit: Die Daten der Lernenden werden geschützt. Durch die Möglichkeit, Open-Source-Modelle lokal zu betreiben, können sensible Daten vollständig im eigenen Rechenzentrum bleiben.
- Menschenzentriertheit: KI unterstützt den Lernprozess, ersetzt aber nicht die pädagogische Entscheidung. Der Mensch bleibt in der Kontrolle.
Fazit
Moodle zeigt, dass KI-Integration im eLearning kein Entweder-oder zwischen Innovation und Ethik sein muss. Das AI-Subsystem im Core ist durchdacht, modular und gibt Institutionen die volle Kontrolle. Es bindet keine Organisation an einen einzelnen Anbieter, respektiert Datenschutzanforderungen und stellt pädagogische Entscheidungen über technische Möglichkeiten. Für alle, die Moodle einsetzen, lohnt es sich, die KI-Funktionen auszuprobieren — mit der Gewissheit, dass die Kontrolle immer bei der Institution und den Lehrenden bleibt.

